SensAbility 2019: Die Übernahme der Graswurzel?

Wer sich für Social Entrepreneurship interessiert, kommt um sie nicht herum: Die SensAbility, Deutschlands größte Konferenz zu verantwortungsvollem Unternehmertum. Organisiert wird sie jedes Jahr von Studierenden der WHU Business School in Vallendar.

„Fährst Du wieder in diesen Ort mit dem merkwürdigen Namen?“ kommentiert mein großes Kind die Reisevorbereitungen. „Vallendar? Ja“ sage ich. „Warum?“ fragt das Kind. Eine gute Frage, um einen Rückblick auf die diesjährige Konferenz zu starten. Die WHU – Otto Beisheim School of Business Management wird oft als CEO-Schmiede bezeichnet. Die angesehene Privatuniversität hat schon vor Jahren entschieden, dass Themen wie Social Economy und gesellschaftliche Verantwortung in ihren Lehrplänen einen Raum erhalten sollen. Organisiert wird das dazugehörige Event von Studierenden, die jedes Jahr ihre Erfahrungen an ein sich neu bildendes Team weitergeben. Gerade in Details arbeiten sie dabei so professionell wie kaum eine Konferenz vergleichbarer Größe.

Und weil die Studierenden ihre Sache so gut machen, und weil die Hochschule schon vor langer Zeit entschieden hat, dass Social Entrepreneurship wichtig ist, packe ich wie jedes Jahr meinen Rechner ein, nehme die Kamera, checke die Akkustände meiner Geräte und fahre in die Nähe von Koblenz, um inspirierenden Menschen zuzuhören, mich auszutauschen und zu dokumentieren, was hier so passiert.

„Wir verändern die Welt nicht mit fairem Vanilla Latte. Sorry, Prenzlauer Berg!“

Die Keynote auf der SensAbility hält dieses Jahr Jakob Berndt, der Mitgründer der Tomorrow Bank. Seinen Ausstieg aus der Werbebranche beschreibt er, wie so viele aus der Social Entrepreneurship-Szene, als Suche nach Sinn im eigenen Tun. „Für mich war meine Arbeit in der Werbebranche vor allem dadurch bestimmt, Sch**** gut aussehen zu lassen“. In diesem direkten und ehrlichen Stil erläutert Jakob seinen Start mit LemonAid, sein eigenes Hadern damit, ein Unternehmer zu sein, und die Rolle von Kreativität und Mut. „Was am fairen Vanilla Latte gut und richtig ist, ist, dass wir als Unternehmensgründer aufzeigen, dass es geht: Ein fair gehandeltes, gutes Produkt zu einem bezahlbaren Preis herzustellen. Das allein reicht nicht – sorry, Prenzlauer Berg! – aber wir erzeugen Aufmerksamkeit.“ Jakob ist überzeugt, dass innovative Lösungen und Social Startups den Druck auf die großen Firmen erhöhen.

Die Gründung der Tomorrow Bank warf für ihn viele Fragen auf. Nicht nur nach der Machbarkeit oder nach den Ansprüchen an eine gute Bank, sondern auch ganz persönlich. „Ich habe mich gefragt, ob ich wirklich ein Banker sein möchte. Und ob das nicht noch schlimmer ist, als ein Unternehmer zu sein – was ich im Grunde auch nie sein wollte.“ Aus dieser Überlegung heraus entschieden sich die Gründer, sehr vieles anders zu machen. Sie wollten nicht nur „die erste nachhaltige Bank, die auch sexy ist“ ins Leben rufen, sondern sich von Anfang an der Transparenz verschreiben. „Wir wollen die Black Box ‚Bank‘ öffnen und die Menschen mit auf unsere Reise nehmen“.

Jakob Berndt von der Tomorrow Bank über Sinn, Unternehmertum und Transparenz

„Steh’ zu Deinen Werten und nimm Dich selbst nicht so ernst“

Am Ende seiner insgesamt hervorragenden Keynote gibt Jakob seine Erfahrungen und Tipps weiter. Lediglich eine Aussage stört mich und hallt lange in mir nach. „Unsere Ideen sollten immer darauf zielen, zu skalieren. Was nicht skaliert, hat keine Wirkung“, heißt es am Schluss, und ich sehe mich im Raum um, ob noch jemand außer mir unruhig auf dem Stuhl herumrutscht. Denn wer die SocEnt-Szene in den letzten Jahren verfolgt hat, weiß: Eine hohe Quote an gegründeten Social Startups gibt wieder auf. Oft versuchen es die Gründerinnen und Gründer später noch einmal, mit einer anderen Idee. Oder sie verstärken ein Team eines anderen nachhaltig ausgerichteten Unternehmens, arbeiten als Mentoren und beraten Gründerinnen und Gründer. All das ist richtig, wichtig und wertvoll. All das hat eine nicht zu unterschätzende Vorbildfunktion und entfaltet über die Jahre an unterschiedlichen Stellen eine große Wirkung. Nicht von ungefähr sprechen wir lieber von Zebras als von Einhörnern.

Das Zebra wird zur Herde

Gleich im Anschluss nehme ich als echtes Infinity-Fangirl den SensAbility-Workshop zu „Power and Art of Storytelling“ wahr. Das Team gibt zu Beginn einen kleinen Einblick in die Entwicklung des vergangenen Jahres. Wie geplant ist aus Infinity Mannheim nun Infinity Deutschland geworden – in sieben Städten ist die studentische Organisation bereits aktiv und wächst schnell. Mit unterschiedlichen Formaten und Programmen macht Infinity das Thema Social Entrepreneurship erfahrbar. Ihr Konzept: Problem erkennen, theoretisch beleuchten, Recherche betreiben und Praxisbeispiele anstoßen.

Doch wie genau nähert man sich gesellschaftlichen Problemen? Hier helfen die drei Schritte Kennenlernen (Knowing) – Sich mit dem Problem auf eine empathische Weise befassen (Caring) – und Verändern / Handeln (Acting). Im Bereich Social Startups und Non-Profits ist negatives Storytelling sehr verbreitet: Weinende Kinder, um die sich niemand kümmert, abgemagerte Eisbären, abgeholzte Wälder. „Das ist grundsätzlich etwas Gutes“, erläutert Max Mauk. „Denn es schafft Bewusstsein.“ Wir erinnern uns an die grauenvollen Bilder des ertrunkenen Jungen, der nach dem Kentern eines Schlepperbootes an die Küste angespült wurde. „Es stimmt, was viele sagen: Ein Bild hat mehr Gewicht als tausende Worte, Zahlen oder Studien.“

Infinity Mannheim und Infinity Deutschland über gutes Storytelling

„Eine gute Geschichte verbindet uns mit anderen“

Auch auf der letzten SensAbility war die Kraft der Bilder ein wichtiges Thema, und nur kurze Zeit nach der diesjährigen Konferenz höre ich Sascha Lobo auf der re:publica noch einmal den gleichen Punkt machen. Doch die entscheidende Frage lautet: Wie kommen wir vom Bewusstsein und vom Mitfühlen zum nächsten Schritt, zum Handeln? Hierfür, sagt Max, ist unbedingt positives Storytelling nötig. „Wir müssen nun beginnen, die guten Geschichten zu erzählen.“ Nach einer theoretischen Einführung können wir selbst ausprobieren, was alles zu einer guten Geschichte gehört. Dabei helfen Leitfragen: Was ist meine persönliche Geschichte, was sind meine Erfahrungen? Was verbindet mein Ich und meine Erfahrungen mit anderen? Was ist mein Projekt, und wie ist es Teil unserer gemeinsamen Geschichte? Und nicht zuletzt: Warum ist meine Geschichte so dringend? Was passiert, wenn wir versäumen, zu handeln?

„Kapitalismus neu denken: Was entscheidet unser Konsum?“

Im darauf folgenden Vortrag greift Christian Fenner von The Nu Company die persönliche Geschichte als Antrieb fürs Handeln auf und verweist, so üblich wie angebracht, auf Simon Sinek. „Ein persönliches Warum kann sehr stark sein, aber Unternehmen als Einheit brauchen ebenso einen Zweck wie Menschen“, stellt er heraus. Also fragten sich die Gründer von Nu, nachdem sie die ersten Schokoladenriegel in klassischer StartUp-Manier in ihrer WG-Küche hergestellt hatten, warum sie eigentlich tun, was sie tun. „Wir hatten einen Schokoriegel, und das war ein Anfang. Aber von da an muss es weitergehen“. Christian betritt mit seiner Frage nach dem Konsum ein spannendes Feld, gerade im Zuge der jüngsten Debatten. Denn mittlerweile wissen wir, dass das Individualisieren eines Problems, also das Ablenken auf den Verbraucher, Methode hat. In den letzten Jahrzehnten wurde es häufig als Instrument genommen, um die Strukturen und Gesetze, die nötig sind, nicht zu schaffen. Sondern die Verantwortung auf das Individuum zu schieben. Fest steht für mich: Es braucht beides: Bewusstsein bei jeglicher Art von Konsum, und politisches Handeln.

Moderator Chris MM Gordon und Christian Fenner von Nu Company über Konsum und Werte im Unternehmen

„Das ethisch vertretbare Konsumieren ist auf dem Vormarsch, und der Markt für fair trade Produkte wächst 40% stärker als andere Märkte. Wir können diese Wende mit unseren Produkten und Ideen mitgestalten“, sagt Christian Fenner. Die Idee von Nu: Produkte für den Massenmarkt herstellen und dabei von Beginn an Gutes tun. So investiert Nu als eine Art eigener CSR-Maßnahme in die Wiederaufforstung von Wäldern. „Auch wenn das natürlich dem Gewinn gerade in einer Phase, in der er für Investoren wichtig ist, etwas entgegen steht“. Auch er räumt der Transparenz und der Glaubwürdigkeit der Marke einen entscheidenden Stellenwert ein.

Fuck up Nights der SensAbility oder „Hol Dir genügend Know-How ins Unternehmen“

Lukas Pünder von The Cano Shoe lobt gleich zu Beginn das Format der Fuck Up Nights. „Hätte ich durch eine Fuck up Night die Dinge gewusst, die ich heute mit Euch teile, hätte ich mir viel Geld, Nerven und Tränen erspart“. Lukas erzählt von bürokratischen Strukturen und Steuern, sowie einer vollkommen misslungenen 1. Produktionscharge seiner Schuhe: „15.000 Euro waren quasi weg“. Erst an diesem Punkt wurde im Team augenfällig, dass die Gründer weder Ahnung von Mode noch von Online-Marketing hatten. The Cano Shoe war gezwungen, umzudenken, sich Know-How in das Unternehmen zu holen, sowie aus ihren eigenen Fehlern so weit zu lernen, dass sie sie in den weiteren Produktionschargen vermeiden konnten. „Ein langer und schmerzhafter Prozess, den wir da hinter uns haben“, fasst Lukas zusammen.

Lukas Pünder von The Cano Shoe über Know-How, Scheitern und den Mut, weiterzumachen

Der zweite Fuckup-Redner des Abends ist Ryan Little von SmileBack, den ich zwei Jahre zuvor als klugen und angenehmen Panel-Teilnehmer kennenlernen durfte. Bevor Ryan in seinen Vortrag „5 Fuckups und wie sie zu verhindern sind“ einsteigt, bittet er noch darum, Details nicht weiterzugeben. Ein wichtiger Hinweis, denn so wertvoll die Erfahrungen der Gründerinnen und Gründer für ein breites Publikum sind: Es muss auch ein gewisser Schutzraum gewährleistet werden, damit man über sensible Themen sprechen kann und keine Einzelheiten den Raum verlassen. Ryans allgemein formulierte Empfehlungen aber kann ich hier mit Euch teilen:

„Mach etwas, das Du liebst“

  1. „Date Deine Mitgründer. Du verbringst mehr Zeit mit ihnen als mit Deiner Familie. Zieh gerade, für welche Menschen ihr arbeitet und für welche nicht“, spricht Ryan den wichtigen Aspekt gleicher Werte an.
  2. „Wenn Du der falsche in Deiner Position bist, feuere Dich umgehend“, rät er und fordert zur permanenten Selbstreflexion auf – und dazu, sich nicht selbst in der eigenen Rolle zu überschätzen.
  3. „Mach etwas, das Du liebst. Mir persönlich ist Geld egal und ich glaube, Dir sollte es auch egal sein“, meint Ryan zu Sinn und Sinnstiftung. Er schließt mit den Worten:
  4. „Scheitern ist Teil einer eigenen Unternehmung.“

In den anschließenden Fragen dreht es sich – so persönlich wie auch Ryans Vortrag war – um das Thema Selbstfürsorge und Gesundheit: Sind Social Entrepreneurs stärker vom Burnout betroffen, und wenn ja: Was können wir alle dagegen tun? Beide Redner sind sich einig: „Zeit mit Menschen zu verbringen, die es kein Stück interessiert, was Du tust, erdet und kann ein Burn Out vermeiden.“

Ryan Little von SmileBack (Mitte), Lukas Pünder (links) und Chris MM Gordon (rechts) bei der anschließenden Fragerunde

„Great people talk about ideas!“

Der Fokus der diesjährigen SensAbility liegt auf dem Kennenlernen – sich selbst und andere. Auf den gemeinsamen Gesprächen, auf den eigenen Geschichten und Schwierigkeiten. Auch abends geht es schnell tiefer, wird sehr persönlich, dreht sich um Ideen. Great people talk about ideas, heißt es in einem alten Sprichwort. So sind wir an diesem Abend alle groß – gemeinsam, im Verbund.

Selbstverständlich gibt es dennoch Kritik, und die ist mir dieses Jahr ganz besonders wichtig: Denn obwohl wir in der Social Entrepreneurship-Szene einen guten Frauenanteil vorweisen können, obwohl es sogar rein weibliche Social Startups, CSR-erfahrene weibliche Führungskräfte, eine Vorsitzende der bundesweiten Vereinigung für Social Entrepreneurship und jede Menge andere starke Akteurinnen gibt, ist die Sprecherinnenquote auf der SensAbility 2019 so gering wie nie: Gerade mal eine Frau findet sich als Workshopleiterin auf dem Programm, und viele der Unternehmen, die zur diesjährigen SensAbility kommen, sind sogar komplett männlich aufgestellt. So ist ein höherer Frauenanteil den Studierenden der WHU School of Business Management, die das Event ausrichten, den Teilnehmenden und einigen HRlerinnen auf Recruiting-Tour vorbehalten. Sens, das kannst Du besser! #staysensy bedeutet nicht zuletzt, auch den Menschen einen festen Platz einzuräumen, die im wachsenden Investorenmarkt häufig noch benachteiligt sind.

Fazit oder die Übernahme der Graswurzel

Ist die SensAbility das Abbild eines „Takeover of the grassroot?“ Das habe ich mich mit einem der diesjährigen Sprecher gefragt. Es ist wieder einmal spannend zu sehen, wie sich die Szene entwickelt. Welche Gründerpersönlichkeiten hervorstechen und zum Teil gleich mit mehreren Unternehmen den Flickenteppich unserer kleinen Zebrawelt bereichern. Mit Infinity Mannheim ist nicht zum ersten Mal auch eine studentische Organisation dabei, die wächst und skaliert. Mein vorherrschendes Gefühl: Auf der SensAbility sind wir noch unter uns. Aber das Bewusstsein wächst und die Gedanken der Social Economy greifen auf die Gesellschaft über. Nicht zuletzt beeinflussen die Aktivitäten vieler engagierter Unternehmen sowie des Dachverbands SEND oder Stiftungen wie SocEntBW (hier bei mir in Baden-Württemberg) mittlerweile das politisches Handeln. Die Graswurzel beginnt, den Diskurs mitzubestimmen. Nicht in einem Maße wie FridaysForFuture, aber immer hörbarer.

Bleibt, mich zu bedanken. Für eine großartige SensAbility! Im Nachgang werden wir noch einen multimedialen Rückblick wagen. Der wird dann auch kürzer, versprochen!

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