Ein Interview mit Jugend Rettet e.V.

Jugend Rettet e.V.© sea-watch.org

08.03.2018 – JUGEND RETTET ist ein Netzwerk junger EuropäerInnen, die sich zusammengeschlossen haben, um mit einem selbst gekauften Schiff Seenotrettung im Mittelmeer zu betreiben. Unsere Autorin Tamara Schiek hat Titus interviewt.

Hallo Titus, wie ist JUGEND RETTET entstanden?

Die Idee für JUGEND RETTET entstand Mitte 2015, als immer mehr Meldungen über Tote im Mittelmeer erschienen. Gegründet wurde der Verein dann im Oktober 2015. Wir wollten einerseits ein Schiff kaufen, um aktiv Seenotrettung im Mittelmeer zu betreiben, und anderseits junge EuropäerInnen eine Plattform zum Austausch bieten. Wir wollten zeigen, dass man vom Staat mehr erwarten kann, wenn wir jungen Leute, ohne Geld und ohne Plan, es schaffen das Sterben im Mittelmeer aktiv zu mildern.

Seit wann bist du bei JUGEND RETTET und was sind deine Aufgaben?

Angefangen habe ich im Februar 2016. Zu Beginn war der Schiffsumbau meine Hauptaufgabe, danach die Missionskoordination.

Wie habt ihr den Schiffskauf finanziert?

Angefangen haben wir mit Flohmarktverkäufen und Einzelspenden von Familie und Freunden. Im Februar 2016 machte uns dann eine Berliner Stiftung ein Angebot: wenn wir es bis Ende März 2016 schaffen das Geld für Umbau, Überführung und Betriebsaufnahme zu sammeln, finanzieren sie den Schiffskauf mit einem Darlehen. Wir starteten im Feuereifer Geld über Crowdfunding zu sammeln. Und tatsächlich hatten wir Ende März 130.000 Euro zusammen. Von der Stiftung erhielten wir daraufhin denselben Betrag. Wir kauften das Schiff und starteten , sodass wir das Schiff kaufen konnten. Anfang Juli 2016 starteten wir dann unsere erste Mission.

Wie läuft eine Mission bei euch generell ab?

Zuerst wird aus den sich beworbenen Freiwilligen eine Crew zusammengestellt, die dann nach Malta, unserem Basislager, fliegt. Dort sind drei Freiwillige ständig vor Ort. Mit dieser rund 14-köpfigen Besatzung bleibt das Schiff zwei Wochen im Einsatzgebiet – der Search Rescue Zone vor der Küste Libyens. Danach fahren wir zurück, tanken und wechseln die Crew. Nach zwei, drei Tagen fährt das Schiff wieder ab. Im Meer werden wir, wie alle anderen Rettungsschiffe, von dem Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) koordiniert, die dem italienischen Innenministerium unterstellt ist. Wenn wir zu einem uns zugewiesenen Schlauchboot kommen, geben wir Rettungswesten aus und nehmen die Geflüchteten auf unser Schiff, wo sie ärztlich versorgt werden. Danach sind wir verpflichtet die Menschen in einen sicheren Hafen zu bringen. Und das ist im Endeffekt nur ein italienischer, da die Menschen auch frei von Verfolgung sein müssen. Unser Schiff ist jedoch zu klein, sodass wir die Geretteten an ein größeres Schiff übergeben, welches bis zu 800 Menschen umfasst und nach Italien fährt. Wir verbleiben in der Search Rescue Zone, sodass immer jemand vor Ort ist.

Was waren bisher eure größten Herausforderungen?

Organisatorisch mit unserem raschen Wachstum mitzuhalten. Nachdem wir mit einem Kernteam von vier Leuten starteten, haben wir nun über 70 BotschafterInnen und 40 Freiwillige weltweit. Da dies alles Schlag auf Schlag ging, hatten wir kaum Zeit mit der Organisationsstruktur mitzuhalten.Dies nun im Nachhinein zu organisieren ist wahnsinnig mühsam. Die größte Herausforderung war aber die Konfrontation mit der italienischen Justiz im August 2017. Nachdem wir zunächst in der Öffentlichkeit diffamiert wurden, hat die italienische Justiz unser Schiff konfisziert. Sie behaupten, wir hätten mit Schmugglern zusammengearbeitet. Aus unserer Sicht sind diese Vorwürfe total haltlos!

Erhaltet ihr auch Unterstützung von Regierungsseite?

Nein. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden etwas von der Regierung anzunehmen, denn wir wir machen schließlich die Arbeit, die eigentlich die Europäische Union übernehmen sollte. Wir wollen zeigen, wo die Politik verfehlt. Die rund 40.000 Euro, die wir pro Monat für unsere Missionen benötigen, finanzieren wir über Spenden.

Was sind eure Pläne für die Zukunft?

Das ist schwer zu sagen, da wir nicht voraussehen können, wie sich die Situation vor Ort verändern wird. Wir hoffen natürlich, dass die europäischen Regierungen bald etwas gegen das Sterben im Mittelmeer unternehmen und legale Einreisemöglichkeiten bieten. Dies ist aber derzeit leider nicht in Sicht. Es ist vielmehr eine Kriminalisierung der zivilen Retter zu sehen. Ohne unser Schiff sind uns im Moment außerdem die Hände gebunden. Mit unserer Mission „Free IUVENTA“ kämpfen wir jedoch dafür, unser Schiff zurück zu bekommen und wieder Menschenleben retten zu können.

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