Wie viel Social Entrepreneurship steckt in Ostdeutschland?

Social Entrepreneurship OstdeutschlandEnterprise-Deine Gründungswerkstatt feiert Jubiläum in Potsdam

Der erste Teil einer Recherche-Reihe: Immer mehr Menschen in Deutschland entscheiden sich dazu, ein Sozialunternehmen zu gründen. Mit Blick auf globale und regionale Herausforderungen wie Digitalisierung, Globalisierung, politische Entwicklungen und demografischen Wandel überrascht es nicht, dass die Motivation wächst, unsere Gesellschaft nachhaltig mitzugestalten und neue (Lösungs-)Wege zu entwickeln. Doch ist dieses Phänomen deutschlandweit zu beobachten? Oder anders gefragt: Wie viel Social Entrepreneurship steckt in Ostdeutschland?

Ostdeutschland – eine Region mit viel Geschichte, Bedeutung und Blickwinkeln

Auch knapp 30 Jahre nach dem Mauerfall zeigen sich im wiedervereinigten Deutschland immer noch ökonomische und gesellschaftliche Unterschiede zwischen dem ehemaligen Westen und Osten Deutschlands. Folgender Artikel ist Einladung und Beitrag, das (unternehmerische) Potential und zivilgesellschaftliches Engagement in Ostdeutschland  zu entdecken.

Social Entrepreneurship – Ein Großstadtphänomen?

Aus dem Deutschen Social Entrepreneurship Monitor 2018 geht hervor, dass ein Großteil der Social Startups (22%) ihren Hauptsitz in Berlin haben. Am zweitstärksten vertreten sind soziale Gründungen in Hessen (19%). Danach folgen Bayern (15,4%), Nordrhein-Westfahlen (9,4%) und Baden-Württemberg (8,5%). Jedoch werden in den aktuellen Erhebungen die neuen Bundesländer nicht genug berücksichtigt, wodurch ein genauerer Blick wichtig ist.

Und wie entwickelt sich das Thema Social Entrepreneurship in den neuen Bundesländern?

Gibt man Social Entrepreneurship in Ostdeutschland bei Google ein, gerät man überraschend schnell an die Grenzen des online Auffindbaren und erst nach langer Recherche innerhalb dieses Bereiches werden einzelne Akteure sichtbar. Im Gespräch mit verschiedenen regionalen Akteuren zeigte sich, wie stark die Social Entrepreneurship-Szene über die einzelnen Bundesländer hinaus vernetzt ist. Denn regionale Initiativen, Organisationen, Ansprechpartner*innen für soziale Innovationen als auch Institutionen unterstützen sich gegenseitig aktiv und haben damit das Potential in sich, die noch wenig sichtbare Social Entrepreneurship-Szene weiterzuentwickeln.

Über Berlin’s Grenzen hinaus nach Brandenburg

Im Lauf der Recherche zeigte beispielsweise Brandenburg eine stetige Zunahme von Social Startups insbesondere im ländlichen Raum. Angelina Probst vom Social Impact unterhielt sich mit Thorsten Jahnke von Social Impact, Programmleiter der Gründungswerkstatt Enterprise in Potsdam. Dieser gibt einen Einblick worin sich Sozialunternehmertum von klassischen Unternehmertum unterscheidet:

Thorsten: Die Unterschiede ergeben sich aus der Mission und der Arbeitsgestaltung. Sozialunternehmen arbeiten ja – das ist jetzt nicht regionalspezifisch – um ein bestimmtes gesellschaftliches Ziel im Bereich Nachhaltigkeit, Partizipation oder Bildung zu erreichen. Natürlich wollen Sozialunternehmen, egal ob gemeinnützig oder formal gewerblich organisiert, auch Geld verdienen, doch ist dieses nur Mittel zum Zweck, während es bei der gewerblichen Wirtschaft häufig umgekehrt ist. Natürlich gibt es auch gewinnorientierte Unternehmen, die sich sozial/nachhaltig engagieren. Das ist auch super, aber eben nicht sozialunternehmerisch, weil es nicht der Grund ihrer Existenz ist. In der Praxis zeigt sich das im konkreten Handeln: Welche Rohstoffe, Materialien, Energieformen setze ich mit welcher Nachhaltigkeit ein? Wie gehe ich mit meinen Beschäftigten um? Welches Mobilitätskonzept habe ich für sie? Was tue ich im Bereich Regionalentwicklung? Letzteres ist natürlich für Brandenburg mit viel ländlichem Raum bedeutender als für andere Regionen.

Doch wie stark ist die Social Entrepreneurship-Szene in Brandenburg ausgeprägt?

Thorsten: Wir beobachten zwei Gründe für mehr Social Startups im ländlichen Raum. Auf der einen Seite greift der allgemeine Wertewandel in unserer Gesellschaft mit einer Orientierung hin zu mehr Nachhaltigkeit, sinnstiftender Arbeit und Selbstverwirklichung. Zum anderen haben wir in Brandenburg mit der Kombination Berlin in der geografischen Mitte besondere Möglichkeiten, eine großstädtische Nachfrage im ländlichen Raum zu bedienen. Das macht sich insbesondere im Essens- und Lebensmittelbereich, der Touristik sowie beim Thema Arbeitsorganisation bemerkbar. Beispielsweise haben wir im Bereich „Food“ etliche Sozialunternehmer*innen, die Nahrung nachhaltig, teilweise auch inklusiv bereitstellen. Es gibt zum Beispiel GemüseAckerdemie, tip.me, Regionalwert AG Berlin-Brandenburg, Fairverpackt Babelsberg, Drei Jahreszeiten, maßVoll – einkaufen unverpackt (Unverpackt-Laden), Ziegenkäserei & Wiesencafé Karolinenhof, Buena Vida Coffee GmbH, Märkisches Landbrot und Lobetaler Bio. Um nur einige zu nennen. Diese finden vor allem im benachbarten Berlin ihren Absatz. Im Tourismusbereich finden wir immer mehr ländliche Co-Working-Plätze, wie beispielsweise das Coconat – A Workation Retreat, die das Arbeiten mit Sinnorientierung und nachhaltiger Versorgung verbinden.

Hippe Großstadt, lahme Dörfer? Auch wir kennen immer mehr Berliner Gründer*innen, die als Ausgleich zu der Schnelllebigkeit der Großstadt für Team-Offsites, Kreativarbeiten und Perspektivenwechsel ländliche Co-Working-Plätze zu schätzen wissen. Uns hat interessiert, ob und welche Unterschiede in den Mentalitäten zu beobachten sind.

Thorsten: Die Brandenburger Mentalität wird von gelassen bis hin zu stur beschrieben. Ich, als in Berlin-Kreuzberg sozialisierter Mensch mit viel Skepsis zum „Berliner Hipstertum“, finde diese Mentalität prima. Wenn zur ländlichen Gelassenheit noch etwas Weltoffenheit dazu käme, hätten wir fast perfekte Bedingungen für Sozialunternehmertum. Ok, Breitbandausbau ist noch ein Thema im ländlichen Raum, aber das war ja nicht die Frage.

Damit Social Startups skalieren können, erklärte Jahnke, was Sozialunternehmer*innen tun können, um neue Talente für ihre Vision zu gewinnen, auch wenn diese vor der Herausforderung stehen zu Beginn keine hohen Gehälter zahlen zu können:

Thorsten: Eine Vergütung besteht aus mehreren Komponenten. Neben dem finanziellen Lohn gibt es noch das Betriebsklima, die missionarische Identifizierung, die formalen und informellen Mitwirkungsmöglichkeiten, die regionale Eingebundenheit, das Kümmern um Wohlergehen einschließlich Familie usw. Das kann in kleineren Betrieben und Organisationen, wie in Brandenburg üblich, Teile eines materiellen Lohnes kompensieren.

Was können Regierung oder Gesellschaft unterstützend tun, um mehr soziales Unternehmertum zu fördern?

Thorsten: Hier gibt es viele Möglichkeiten: Erstmal können alle Menschen bei ihren tagtäglichen Konsum- und Investitionsentscheidungen überlegen, welche Dienstleister und Hersteller sie ihr Geld geben möchten. Auch der Staat könnte sein öffentliches Beschaffungswesen stärker an Kriterien von Nachhaltigkeit und Partizipation ausrichten. Das ist ein sehr unterschätzter Gestaltungsbereich, wenn wir bedenken, dass ca. 50% unseres Bruttoinlandproduktes öffentlich geprägt sind! Und natürlich kann auch die Wirtschafts- und Steuerpolitik verbessert werden. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie hat dafür auch Studien veröffentlicht und das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland ist auch aktiv dabei, dem Sektor eine Stimme zu geben.

Wie viel Potenzial steckt denn nun für Sozialunternehmer*innen in Brandenburg?

Eine Perspektive von Enterprise – Deine Gründungswerkstatt: Neue Lebens- und Arbeitsformen erobern den ländlichen Raum. Ob Social Entrepreneure, Grüne Gründer, Smart Villages oder Retreats – Viele junge Menschen drängen raus aus den Städten und erfinden Landleben neu. Landlust statt Landflucht scheint die Devise einer urbanen kreativen Szene, die ihr digitales Knowhow nutzen, um sich den Lebens(t)raum der Zukunft zu schaffen. Doch neben der beginnenden digitalen Transformation des ländlichen Raumes gibt es auch Existenzgründer*innen, die sich dem biologischen Ackerbau zuwenden – ganz ohne neuartige Technologien, in reiner Handarbeit und mit dem Ziel, die Artenvielfalt zu fördern. Und jene, die sich mit Geschwistern und Freunden einen Hof kaufen, Tiny Houses bauen und sich dabei alles andere als langweilen.

Zusammenfassend lässt sich für Brandenburg ein wachsendes Potential bezüglich Social Entrepreneurship feststellen. Nun liegt es an den Menschen vor Ort, dieses Potential zu nutzen. Auf die weiteren Entwicklungen sind wir sehr gespannt! In unserem nächsten Beitrag wird ein Blick auf Social Entrepreneurship in Thüringen und Sachsen geworfen.

Autorin: Angelina Probst

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