Fluchthelfer – Häftlinge helfen beim Fahrrad-Recycling

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Enactus Mannheim

Jeder kennt sie. Ob in der Nähe von Bahnhöfen oder mitten in der Innenstadt. Zum Teil komplett intakt, angerostet oder mit fehlendem Sattel: Fahrradleichen.

Viele 1.000 Räder werden pro Jahr von Stadt- und Bahnhofsverwaltungen an öffentlichen Plätzen eingesammelt, nachdem sie sechs Wochen vorher entsprechend markiert wurden. Die meisten von ihnen wandern für ein geringes Entgelt direkt zu einem Schrotthändler, von wo aus sie nur noch einem kostspieligen Einschmelzungsprozess entgegen sehen können.

Das Enactus Team der Universität Mannheim nahm sich 2013 vor, diesem Problem entgegen zu wirken, das Recycling früher anzusetzen und damit wertvolle Energie zu sparen. Der Fahrradmarkt erlebt derzeit in Deutschland einen außerordentlichen Aufschwung. Laut Schätzungen werden jährlich mehr als vier Millionen Neuräder gekauft und natürlich steigt auch die Nachfrage an Gebrauchträdern.

Ein zweites Problem, das das Enactus Team mit ihrem Projekt angehen wollte, war die hohe Rückfallquote von Häftlingen in Deutschland. Mehr als jeder zweite Häftling begeht nach dem Absitzen seiner Haftzeit erneut eine Straftat. Die Ursachen dafür sind das Zurückkehren in kriminelle Kreise und ein Mangel an beruflichen Perspektiven.

Um also die Qualifikation der Gefangenen und damit ihre Chancen auf eine erfolgreiche Reintegration zu verbessern, arbeiten zwei Häftlinge seit über einem Jahr in dem Projekt „Fluchthelfer“. Sie selektieren die oben genannten „Fahrradleichen“ gründlich und machen viele durch Neuteile wieder komplett fahrtüchtig. Das nötige Knowhow konnte durch mehrere Workshops eines ansässigen Fahrradmechanikers in die Reparatur eingebracht werden.

Im letzten Jahr konnten so über 60 Fahrräder auf Gebrauchtradmärkten verkauft werden und Enactus erhielt äußerst positives Feedback von den involvierten Gefangenen, die besonders die Sinnhaftigkeit der Arbeit lobten.

Seit Herbst 2014 hat ein Teil des studentischen Projektteams damit begonnen, das Projekt auf ehemalige Gefangene zu erweitern, indem eine Upcycling Werkstatt für sie eingerichtet wird. Darin soll aus „richtigem“ Fahrradschrott verschiedene Dinge wie Gürtel, Armbänder und Lampen hergestellt werden.

Für dieses Jahr ist noch großes geplant: Ab Anfang Juni läuft die Zusammenarbeit mit bikesale.de an, auf deren Plattform die Fluchthelfer-Räder langfristig vertrieben werden sollen. Zusätzlich unterstützt die JVA Bruchsal das Nationaltheater bei den Schillertagen in Mannheim Ende Juni mit 60 Fahrrädern.


Zum Autor:
Frederik Josten studiert im vierten Semester BWL an der Universität Mannheim. Seit September 2013 engagiert er sich bei Enactus Mannheim und ist derzeitiger Relations Vorstand der Studenteninitiative.

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