Bundesverdienstkreuzträger Raul Krauthausen im Exklusivinterview

raul krauthausen

Sozialunternehmer und Bundesverdienstkreuzträger Raul Krauthausen

Raul Krauthausen hat die Sozialhelden gegründet und arbeitet durch Projekte wie Wheelmap an einer sich selbst erschließenden Inklusion von Menschen mit Behinderung. Dafür hat er im April 2013 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Gerade ist seine Biographie „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ (http://raul.de/buch/) erschienen. Im Interview mit social-startups.de zeigt er sich als Querdenker und Business-Rebell und spricht von den Vorteilen der Unterfinanzierung, der Überschätzung des Social Entrepreneurings und Disability Placement. Das Interview führte Anna Rösch.
 

Gerade ist ja die Aktion Tausendundeine Rampe gestartet. Wie läuft’s?

Letztes Jahr konnten wir mir dieser Aktion 200 Rampen beschaffen. Das war für das erste mal ein großer Erfolg. Dieses Jahr wollen wir die Zielgerade von 1000 Rampen knacken. Gemeinsam mit Bergfürst wollen wir dieses Jahr an dem Ziel von 1001 Rampen (https://de.bergfuerst.com/partner/wheelmap) für Deutschland arbeiten und sammeln weiterhin spenden.

Wie wichtig findest du die Idee des Social Entrepreneurings?

Grundsätzlich glaube ich, dass es nicht den Begriff des Social Entrepreneurs als Heilbringer geben sollte. Social Entrepreneure sind genauso Unternehmer wie Nicht-Social-Entrepreneure und wir werden mit marktwirtschaftlichen Prinzipien die Welt nicht retten können. Aber diese Idee verursacht vielleicht weniger Schaden im kapitalistischen System, da das Geld da bleibt, wo es sinnvoll ist, nämlich investiert in die gute Sache, anstatt in der Tasche von ein paar Aktionären und Investoren.

Wie schätzt du das Potential des Social Business ein?

Als Unternehmer hat man im Gegenzug zum Staat die Möglichkeit, flexibler und innovativer zu arbeiten. Nicht, weil staatliche Institutionen nicht die Kompetenz dazu hätten, sondern weil ihre Strukturen manchmal zu starr und schwerfällig sind. Aber ich warne davor, dass wir Social Business überhöhen. Diese Euphorisierung könnte in diese falsche Richtung laufen. Soziale Probleme dürfen nicht privatisiert werden und Social Business soll nicht die Aufgabe des Staates übernehmen. Gerade in einem Land wie Deutschland, welches eines der besten Sozialsysteme der Welt hat, sollte das sehr kritisch betrachtet werden. Ein Social Entrepreneur sollte eher an seiner eigenen Arbeitslosigkeit arbeiten. Also die Projekte so aufbauen, dass er später nicht mehr gebraucht wird und nicht, um sich seine eigene Existenzberichtigung zu schaffen.

Das ist auch Euer Ansatz bei der Wheelmap?

wheelmapWheelmap.org war eigentlich aus der Idee heraus geboren, dass Freunde von mir nicht wussten, wo man als Rollstuhlfahrer ohne Barrieren hingehen kann. Es gab zwar schon Angebote, wo Behindertenbeauftragte sich bemüht haben, Orte nach ihrer Zugänglichkeit zu erfassen. Aber durch das Internet und mit der Wheelmap kann sich eine große Community einfach selbst behelfen. Hier zählt der partizipatorische Gedanke anstatt der institutionelle. Unser Ziel ist es immer, ein soziales Problem soweit herunter zu brechen, dass es für das einzelne Individuum lösbar wird und in einem größeren Kontext etwas bewegt, ohne dass wir eine kritische Maße brauchen.

Betrachtest du dich selber als Social Entrepreneur?

Als wir vor 10 Jahren die Sozialhelden gegründet haben, war uns natürlich von Anfang an klar, dass wir etwas machen wollten, was sich selber auch irgendwie trägt. Selbst wenn wir uns ehrenamtlich engagieren, benötigen wir Materialien und Ressourcen, die wir nicht ewig durch staatliche Hilfen finanzieren können. Damals gab es den Begriff Social Entrepreneuring noch garnicht, aber wir hatten die Tragfähigkeit unseres Konzeptes schon immer im Kopf.

Zwar engagieren wir uns sozial, haben aber die gleiche Herangehensweise, wie ein Handwerker. Ich selber sehe mich allerdings weniger als Entrepreneur, weil ich Zahlen und Excel-Tabellen nicht ausstehen kann und weil ich auch nicht immer auf der Suche nach der nächst effizientesten Lösung bin. Ich sehe mich eigentlich eher als Aktivisten, der durch innovative Ideen versucht, bestimmte soziale Probleme zu bearbeiten.

Wie finanziert sich die Wheelmap?

Die Wheelmap ist natürlich ein reines Subventionsgeschäft. Wir arbeiten viel mit Sponsoren, Spendengeldern und Fördergeldern. U.A. fördert uns ImmobilienScout24 mit einem Büro und Entwickler. An der Wheelmap wird kein Geld verdient.

Gibt es bei den Sozialhelden denn einen wirtschaftlichen Standfuß, welcher die Projekte finanziell unterstützt?

Die Sozialhelden sind auch größtenteils durch Spenden und Sponsoren finanziert. Wir wollen nicht dem Geld hinterherlaufen, sondern dem Problem. Mittlerweile benötigen wir jedoch im Jahr ca. 250.000 Euro für acht Angestellte und die Softwareentwicklung. Das ist in der Tat nicht mehr so leicht mit Fundraising aufzubringen. Also haben wir eine Unternehmensberatungsgesellschaft gegründet, welche Unternehmen in Fragen der Inklusion und Bewegungsfreiheit berät. Für diese Dienstleistung nehmen wir ganz normale Beratungshonorare.

Du blickst ja schon auf einige Jahre Erfahrung zurück. Was würdest du jungen Gründern empfehlen. Worauf kommt es an?

Regel No. 1, der Nutzer hat immer recht und nicht der Produktmanager. Da kann manchmal recht schmerzhaft sein.
Die zweite Regel lautet: Scheitere früh und oft. Je früher du scheiterst, desto billiger ist die Lektion. Und drittens beobachte ich in der gesamten Start-Up-Szene das Problem der kritischen Masse. Ob Online-Marktplätze, Crowdprojekte oder Tauschbörsen. Hier muss immer genug Angebot und Nachfrage vorhanden sein, damit diese Plattformen überhaupt interessant sind. Was mir dabei fehlt ist die Frage: wie Schaffen wir ein Produkt, das ohne kritische Masse auskommt? Wie stellst du deinen ersten Kunden zufrieden? Denn wenn jemand auf eine Plattform geht und merkt, dass hier nicht viel passiert, dann wird er auch nicht so schnell wieder kommen. Es kostet viel mehr Zeit und Investition, verlorene Kunden wieder zu gewinnen, als sie zu akquirieren.
Letztens sollte man sich ganz ehrlich die Frage stellen, was Menschen wirklich brauchen, und nicht, Menschen noch brauchen könnten und was dich reich macht.

Wie sieht es mit der Verfügbarkeit von finanziellen Mitteln aus?

Nicht das notwendige Kapital zu haben ist kein Hindernis. Im Gegenteil: Es macht kreativ. Man überlegt einfach eher, ob die eine oder andere Sache wirklich nur so lösbar ist oder ob es nicht noch einen zweiten Weg gibt. Und die Verfügbarkeit von Geld lässt einen ja auch nicht immer die richtigen Prioritäten setzen und richtig investieren.

Der Trick ist bei der ganzen Geldfrage sicherlich auch die Frage, wie man stets effizient bleiben kann. Zum Beispiel haben wir bei den Sozialhelden festgelegt, dass wir nie mehr als 10 Mitarbeiter sein wollen, egal wie viele Projekte wir noch machen oder wo wir 2020 stehen. Skaliert werden sollen die Projekte und ihre Qualität aber nicht das Team. Dafür müssen natürlich Abläufe und Organisationsstrukturen immer wieder überdacht und optimiert werden. Anstatt in unseren Online-Projekten viele Features gleichzeitig anzubieten, konzentrieren wir uns anfänglich nur auf ein gutes Kernprodukt und gehen einzelne Features nur nach und nach an.

Es kommt also eher auf eine gute Strategie an?

Es ist manchmal besser, vor dieser Analyse-Paralyse einfach mal auszubrechen und loszugehen. Man kommt meistens ganz woanders an, als man am Anfang dachte. Deswegen ist es auch das Motto der Sozialhelden: Einfach mal machen. Man kann sogar soweit gehen zu sagen: Scheiß auf Businesspläne und plane nie weiter als für die nächsten zwei Wochen. Planing is Guessing.

Gibt es denn auch schon die nächsten Pläne?

Gerade eben haben wir die bereits genannte Unternehmensberatung ins Rollen gebracht und wir versuchen damit das Thema Behinderung auch mehr in den Mainstream zu tragen. Indem z.B. der Begriff in der Öffentlichkeitsarbeit anders oder neu belegt wird. Das Thema darf nicht immer gleich mit Charity in Verbindung gebracht werden. Oder wie bekommen wir Google Maps dazu, den Rollstuhlgerechtigkeitsstatus eines Ortes mit anzuzeigen, so dass man keine Wheelmap mehr benötigt. Wir nennen das Disability-Mainstreaming oder radikaler ausgedrückt, Disability-Placement.

Eine letzte allgemeine Frage: Was würdest du dir von der Politik und der Gesellschaft wünschen?

Von der Politik, dass sie ihren Fördersektor komplett umbauen, damit sie nicht nur neue, smarte Projekte und Newcomer fördern, sondern dass man auch die Leute unterstützt, die schon seit Jahren aktiv sind und die wirklich einen guten Job machen. Viele würden jetzt eine Förderung benötigen, um den nächsten Schritt zu wagen, sind aber stattdessen neunzig Prozent ihrer Zeit damit beschäftigt, sich zu finanzieren. Dabei geht es doch auch darum, einen besseren Impact zu generien. Dafür sind einfach mehr Zweit- und Drittförderungen notwendig.

Vielen Dank für das tolle Interview!

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